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Sprechunflüssigkeiten treten am
häufigsten genau zu dem Zeitpunkt auf, an dem die Sprachentwicklung des Kindes
ihren Höhepunkt erreicht hat (2½ - 3½ Jahre). Der Wortschatz erweitert sich,
Sätze werden länger und komplexer – das Kind denkt schneller als es sprechen
kann. Die motorische Ungeschicklichkeit bewirkt häufig Verzögerungen oder
Unterbrechungen im Redefluss. Es kommt zu Wiederholungen von Lauten, Silben und
Wörtern. Diese Sprechunflüssigkeiten kommen bei ca. 80% aller Kinder vor und
verschwinden normalerweise wieder, wenn das Kind seine Sprachentwicklung
abgeschlossen hat (mit ca. 4 Jahren). Es bleiben dann nur jene Unflüssigkeiten,
die Sie von sich selbst kennen, zum Beispiel bei Aufregung, bei
Unkonzentriertheit, bei Müdigkeit, etc.
Aus diesen entwicklungsbedingten Sprechunflüssigkeiten kann allerdings das
eigentliche Stottern entstehen. Manifestiertes Stottern ist u.a. gekennzeichnet
durch Anzeichen körperlicher Anspannung bei den Wiederholungen und durch
Vermeidungsverhalten.
Wie entwickelt sich Stottern?
Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Im Zusammenhang gesehen ist
Stottern kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein Störungskomplex. Bei der
Entstehung wirken organische Ursachen und familiäre Veranlagungen in individuell
unterschiedlicher Weise mit äusseren Einwirkungen und seelischen Belastungen
(z.B. Geschwisterkonflikte, Versagensgefühle, Überforderung, ...) zusammen.
Versetzen Sie sich doch kurz in die Lage Ihres Kindes!
Bis jetzt hat ihr Kind zwar dann und wann Schwierigkeiten mit dem Sprechen
gehabt, doch das hat es nicht weiter gestört. Allmählich merkt es aber, dass es
damit etwas auf sich hat. Vielleicht wurde es von seinen Spielkameraden
gehänselt. Oder Sie haben ihm gesagt, es soll langsam und ordentlich sprechen.
Das Kind merkt nun, dass etwas mit seinem Sprechen nicht stimmt, die
Sprechstörung wird dem Kind bewusst.
Dieses „Störungsbewusstsein“ ist der erste Schritt zu Verstärkung des Stotterns.
Von nun an wird das Kind vermehrt auf sein Sprechen achten. Es könnte merken,
dass bestimmte Wörter besonders grosse Schwierigkeiten machen und diese durch
„leichtere“ ersetzen. Gibt man ihm Ratschläge, langsamer zu sprechen oder vor
dem Sprechen tief Luft zu holen, und gelingt das Sprechen dann immer noch nicht
besser, so kann dies zu noch mehr Verkrampfung führen.
Stottern ist mit sehr vielen Vorurteilen und Tabus behaftet, so dass es nicht
verwunderlich ist, wenn Ihr Kind bei Ihnen Gefühle wie Angst und Unsicherheit,
Scham, Mitleid und Ungeduld auslöst. Wie Sie über das Stottern denken und was
Sie beim Stottern Ihres Kindes fühlen, spielt eine wichtige Rolle, da es Ihr
Verhalten beeinflusst. Ihr Kind wird auch ohne Worte Ihre Gefühle und Gedanken
verstehen.
Für die weitere Entwicklung ist also die Umgebung – Eltern, Geschwister,
Freunde, Kindergarten, Schule wichtig. Es geht darum, die Umwelt des Kindes so
zu gestalten, dass das Sprechen so gut wie möglich unterstützt wird.
Wie können Sie Ihrem Kind flüssiges Sprechen erleichtern?
Versuchen Sie, langsam zu sprechen!
Beobachten Sie Ihr eigenes Sprechverhalten, denn Sie sind das wichtigste
Sprachvorbild für Ihr Kind. Sprechen Sie sehr schnell? Ein hohes Sprechtempo
kann ein stotterndes Kind unter Druck setzen, indem es genauso schnell
sprechen will, wie Sie. Langsames Sprechen können Sie trainieren, wenn Sie
Ihrem Kind vorlesen.
Wir sprechen am schnellsten, wenn wir es eilig haben, d.h. unser „Lebenstempo“
bestimmt unser Sprechtempo. Sollten Ihre Familie und Sie ihr „Lebenstempo“
senken?
Versuchen Sie, einfach zu sprechen!
Sprechen Sie mit Ihrem Kind altersgemäss? Wenn Sie mit Ihrem Kind wie mit einem
Erwachsenen sprechen, kann es passieren, dass es auch z.B. lange komplexe
Sätze bilden will. Auch hier kann es unter einen Anforderungsdruck geraten,
dem es noch nicht gewachsen ist. Ihr Sprachvorbild sollte so sein, dass es für
Ihr Kind erreichbar ist.
Fragen Sie so wenig wie möglich!
Dadurch soll nicht der Umfang einer Unterhaltung verkürzt werden. Lassen Sie
Ihr Kind aus eigener Initiative sprechen. Erzählen Sie selber! Wenn Sie etwas
über Ihren Tag erzählen, so erzählt Ihr Kind wahrscheinlich etwas über seinen
Tag. Bedenken Sie, dass gewisse Fragestellungen hohe sprachliche Anforderungen
an das Kind bedeuten. (z.B. Was hast Du gemacht? Erzähle! ...)
Lassen Sie Ihr Kind aussprechen!
Geben Sie Ihrem Kind genügend Zeit, sich zu äussern und unterliegen Sie nicht
der Versuchung, seine Sätze zu vervollständigen, wenn es hängen bleibt.
In Familien mit mehreren Kindern ist es wichtig, darauf zu achten, dass jeder
die Zeit bekommt, die er für seine Äusserungen benötigt.
Versuchen Sie ruhig und gelassen zu bleiben, wenn
Ihr Kind stottert!
Vielen Eltern fällt es schwer, ihrem stotternden Kind ruhig und gelassen
zuzuhören. Vielleicht passiert es auch Ihnen, dass Sie die Luft anhalten oder
einzelne Körperbereiche anspannen (z.B. Schulterbereich), wenn Ihr Kind
stottert. Damit sich diese Anspannung nicht auf das Kind überträgt, sollten
Sie versuchen ruhig weiterzuatmen und sich bewusst zu entspannen.
Konzentrieren Sie sich insgesamt auf das, was das Kind sagt, und nicht so
darauf, wie es das tut.
Schauen Sie nicht weg, wenn Ihr Kind
stottert!
Das Halten des Blickkontaktes ist ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation
– er zeigt dem Gesprächspartner, dass man zuhört und Interesse am Gesagten
hat. Ein natürlicher Blickkontakt schliesst ein gelegentliches Abschweifen des
Blickes jedoch nicht aus. Allerdings sollten Sie auch vermeiden, erst beim
Auftreten von Symptomen den Blickkontakt herzustellen.
Hören Sie aktiv zu!
Hierzu gehört der bereits erwähnte Blickkontakt während eines Gesprächs, aber
auch ein zustimmendes Nicken, ein kurzes bestätigendes „Mhm“, ... Durch diese
Verhaltensweisen zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie an dem, was es sagt,
interessiert sind, und dass das Stottern kein Problem ist. Wiederholen Sie am
Ende einer Aussage kurz mit eigenen Worten, was es Ihnen gesagt hat. So zeigen
Sie, dass Sie verstanden haben, worum es ihm geht. Sprechen Sie offen über das Stottern!
Sobald Ihr Kind sich seines Stotterns bewusst ist, können Sie mit ihm über
sein Stottern sprechen. Ein Gespräch könnten Sie beginnen, indem Sie z.B. „Das
war aber ein schwieriges Wort!“ sagen. Ein Kind, dem sein Stottern bewusst
ist, mit dem Sie jedoch noch nie darüber gesprochen haben, könnte das Gefühl
bekommen, dass Stottern etwas ganz besonders Schlimmes sein muss.
Was beinhaltet die logopädische Therapie bei
einer Störung des Redeflusses?
Wenn sich Ihr Kind beim Aussprechen von Wörtern nicht anstrengt und das Sprechen
nicht auf irgendeine Art und Weise vermeidet, gibt es keinen Grund für eine
logopädische Therapie. Aber es kann wichtig sein, sich eine Meinung einzuholen
und mit einer Fachperson zu sprechen, wenn Sie sich Sorgen machen.
Wenn Ihr Kind begonnen hat, mit den Wörtern zu ringen und Sie vielleicht sogar
schon ein Vermeidungsverhalten bemerkt haben, dann braucht Ihr Kind Hilfe. Man
unterscheidet in der Therapie des kindlichen Stotterns direkte und indirekte
Therapieformen:
Bei direkten Therapieverfahren wird mit dem Kind am Stottern gearbeitet. Zu den
indirekten Therapieverfahren gehören Elternberatungen und Therapieformen, bei
denen mit dem Kind gearbeitet wird, wobei jedoch nicht das Stottern im
Vordergrund steht, sondern Sprach- und Sprechauffälligkeiten, die zusätzlich
vorhanden sind oder eine Folge des Stotterns sind.
Nach Erhebung der anamnestischen Daten und einer Abklärung der sprachlichen
Fähigkeiten bzw. des Stotterns des Kindes, entscheidet die diplomierte LogopädIn
über die adäquate Therapieform. |